Den Durchblick stimulieren

Interview mit Dr. Alfred Stett, Geschäftsführer der Okuvision GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Dr. Stett, welche Effekte und Vorteile hat die Elektrostimulationstherapie?

Dr. Alfred Stett: Die transkorneale Elektrostimulationstherapie mit unserem OkuStim® System wird äusserlich am Auge angewendet. Sie verlangsamt die degenerative Netzhauterkrankung Retinitis Pigmentosa, bei der es zu einer sukzessiven Einengung des Gesichtsfeldes, später zu einem Tunnelblick und letztendlich zur Blindheit kommt. Im Schnitt nimmt das Sichtfeld der Patienten, die unter dieser Krankheit leiden, jährlich zwischen sieben und 10% ab. Die präklinischen Studien haben bewiesen, dass die Elektrostimulation mit schwachen Strömen spezielle Signalwege in der kranken Netzhaut aktiviert, die eine zellerhaltende Wirkung haben. So wird die Degeneration der Netzhaut verzögert und die Funktionen der noch vorhandenen Zellen bleiben länger erhalten.

Wirtschaftsforum: Gibt es am Markt ein vergleichbares Produkt?

Dr. Alfred Stett: Wir sind weltweit der einzige Anbieter in diesem Bereich, der ein zugelassenes Medizinprodukt am Markt hat. Wir haben die CE-Kennzeichnung und dürfen das Produkt seit einem Jahr an privatzahlende Patienten verkaufen. Die Studie für die Kostenerstattung durch die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland hat gerade begonnen.

Wirtschaftsforum: Wie ist der Stand der Dinge für die Kassenzulassung?

Dr. Alfred Stett: Wir haben die Kostenerstattung durch die gesetzlichen Krankenkassen schon 2014 beantragt. Diese brauchen wir, um die Therapie den Kassenpatienten zugänglich und damit das Produkt für uns rentabel zu machen. 2015 hat dann das IQWiG, das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, der Therapie das Potenzial eines Nutzens für die Patienten bestätigt. Der G-BA, der Gemeinsame Bundesausschuss, in dem auch die Krankenkassen vertreten sind, hat schließlich 2020 die Augenklinik Tübingen beauftragt, eine sogenannte Erprobungsstudie durchzuführen, die überprüft, wie hoch der Langzeitnutzen der Therapie ist. Aktuell wurde der erste Patient in die Studie eingeschlossen. Insgesamt nehmen 18 Augenkliniken deutschlandweit mit 130 Patienten teil, die drei Jahre lang stimuliert werden. Nach Abschluss der Studie, voraussichtlich Ende 2025, wird der G-BA hoffentlich zu einer positiven Nutzenbewertung kommen und die Therapie dann endlich in die Kassenerstattung aufgenommen.

Wirtschaftsforum: Welche konkreten Behandlungsergebnisse konnten Sie bislang bei Patienten erzielen?

Dr. Alfred Stett: Wir erreichten in klinischen Studien eine deutliche Verlangsamung der Gesichtsfeldabnahme um bis zu 90%. Diese sehr positiven Ergebnisse kommunizieren wir jetzt verstärkt auf internationalen Fachtagungen und in den sozialen Medien. Fakt ist: wir bieten die einzig verfügbare, evidenz-basierte Therapie für diese Krankheit. Wir bereiten gerade eine Beobachtungsstudie mit Patienten vor, die die Therapie schon seit mindestens einem Jahr anwenden und befragen sie zu ihren Erfahrungen und Ergebnissen bei der regelmässigen Anwendung zu Hause.

Wirtschaftsforum: Für wen ist die Therapie geeignet?

Dr. Alfred Stett: Die Behandlung mit unserem OkuStim System ist im Rahmen der Zulassung als Medizinprodukt für alle geeignet, die an dieser Krankheit leiden. Die meisten Anwender sind zwischen 40 und 60 Jahren alt. Aber auch jüngere Leute kann die Krankheit treffen.

Wirtschaftsforum: Was sind Ihre wichtigsten Themen, Ziele und Projekte für das Jahr 2021?

Dr. Alfred Stett: Wir müssen verstärkt an unserer Bekanntheit arbeiten und noch viel Überzeugungsarbeit bei Ärzten und Kassen leisten. In Europa werden wir unsere Marktposition in den Ländern, in denen wir schon aktiv sind, vorantreiben und neue Märkte erschließen. Ganz oben auf der Agenda stehen dabei Österreich, Frankreich, Spanien und die skandinavischen Länder. Aktuell investieren wir einen großen Teil unserer Ressourcen in die Entwicklung der zweiten Generation unseres Produktes. Diese möchten wir Mitte nächsten Jahres abschließen und das neue Produkt Anfang 2023 auf den Markt bringen. Die zweite Generation wird in Sachen Nutzerfreundlichkeit einen neuen Standard setzen.

Wirtschaftsforum: Welche langfristigen Ziele verfolgen Sie mit Okuvision?

Dr. Alfred Stett: Wir wollen die Elektrostimulationstherapie am Auge weltweit verfügbar machen. Sobald wir den europäischen Markt erschlossen haben, werden wir über den Atlantik gehen. Wir rechnen zum Ende des Jahres 2022 damit. Jedes Land hat eigene Strukturen, eigene Therapie- und Kostenerstattungswege. Wir müssen in allen Ländern den Weg in die Kostenerstattung finden. Die Pandemie macht es uns schwer, unsere internationale Marktposition aufzubauen. Wir wollen in den verschiedenen Ländern Augenkliniken als Partner gewinnen, die als Kompetenzzentren die Therapien anbieten. Viele Augenkliniken haben aufgrund der Pandemie ihre Kapazitäten heruntergefahren oder sogar zeitweise ganz geschlossen. Deshalb setzen wir jetzt verstärkt auf digitales Marketing und digitalen Vertrieb.

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