„Verlässlichkeit zeigt sich nicht im Prospekt, sondern in der Krise“

Interview mit Andreas Clor, Geschäftsführer der EGT Energievertrieb GmbH

Verwurzelt im Schwarzwald, aktiv im ganzen Land

Die EGT Energievertrieb GmbH ist Teil einer Unternehmensgruppe mit außergewöhnlicher Geschichte. Gegründet 1896 aus einem Wasserkraftprojekt in Triberg, gehört die EGT heute zu den traditionsreichen Energieunternehmen Deutschlands. „Wir sind kein Anbieter, der kurz auftaucht und wieder verschwindet, sondern ein Unternehmen mit über hundert Jahren Historie“, sagt Andreas Clor.

Während Netzbetrieb, Gebäudetechnik, Photovoltaik und digitale Lösungen in eigenen Gesellschaften gebündelt sind, konzentriert sich die Energievertrieb GmbH auf Strom- und Gaslieferungen. Bundesweit liegt der Fokus auf Gewerbe, Mittelstand und Industrie, im eigenen Netzgebiet übernimmt man zudem die Grundversorgung für Privatkunden. Rund 72 Mitarbeitende arbeiten im Vertrieb, eingebettet in eine Gruppe mit etwa 330 Beschäftigten. Für den Geschäftsführer ist diese Struktur ein Vorteil: kurze Wege, schnelle Entscheidungen und ein klarer Blick auf Kundenbedürfnisse.

Dynamik als Prinzip – und als Lernprozess

Früh hat sich die EGT vom klassischen Festpreismodell verabschiedet. Bereits 2017 entschied man sich bewusst für dynamische Beschaffungsmodelle. „Festpreise geben Sicherheit, aber sie können auch zur Falle werden – für Kunden wie für Versorger“, erklärt Andreas Clor.

Statt eines fixen Zeitpunkts setzt das Unternehmen auf viele: heute mit viertelstündlichen Preisen und Tausenden Einkaufszeitpunkten pro Jahr. Das glättet Risiken und führt zu fairen Durchschnittspreisen. Die Energiekrise 2022 wurde zur Bewährungsprobe. Während Wettbewerber Verträge kündigten, hielt die EGT ihre Kunden. „Wir haben niemanden außerordentlich beendet. Verlässlichkeit zeigt sich nicht im Prospekt, sondern in der Krise“, betont der Firmenchef.

Aus den Erfahrungen entstand ein hybrides Modell: Kunden kombinieren dynamische und fixe Anteile individuell. Modular, anpassbar, transparent. Für den Unternehmensleiter ist das kein Trend, sondern eine Haltung: „Der Kunde soll verstehen, was er kauft – und warum.“

Vertrauen, Werte und ein klarer Blick nach vorn

Neben Produkten prägen Werte das Selbstverständnis des Unternehmens. In einem mehrjährigen Prozess definierte die EGT Leitlinien wie Respekt, Transparenz, Lösungsorientierung und Vertrauen. „Am Ende kaufen Menschen kein Kilowatt, sondern ein Gefühl von Sicherheit“, formuliert der Energieexperte.

Digitalisierung spielt dabei eine zentrale Rolle: Kundenportale, Monitoring-Tools und datenbasierte Prognosen schaffen Transparenz und Steuerungsmöglichkeiten. Gleichzeitig bleibt der persönliche Kontakt wichtig. „Technik hilft – aber Entscheidungen entstehen im Dialog“, unterstreicht Andreas Clor.

Für die Zukunft rechnet er mit sinkendem Gasbedarf, wachsender Elektrifizierung und neuen Modellen wie Direktstromverträgen aus Erzeugungsanlagen. Sein Fazit bleibt nüchtern und klar: Der Energiemarkt bleibe dynamisch, Orientierung werde wichtiger denn je – ruhig, ehrlich und verlässlich.

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Aktuellste news

Vom 3D-Scan zum intelligenten Digitalen Zwilling durch Semantic AI

Vom 3D-Scan zum intelligenten Digitalen Zwilling durch Semantic AI

Fotorealistische 3D-Scans entwickeln sich durch die automatische Erkennung, Klassifizierung und räumliche Interpretation von Objekten – in der Fachsprache als Semantic AI bezeichnet – von reinen visuellen Rekonstruktionen zu intelligenten digitalen…

KI im Ruhrgebiet: Wie Bochumer Unternehmen von Automatisierung profitieren

KI im Ruhrgebiet: Wie Bochumer Unternehmen von Automatisierung profitieren

Das Ruhrgebiet erfindet sich neu. Nach Jahrzehnten des strukturellen Wandels von Kohle und Stahl hin zu Dienstleistung und Technologie positioniert sich die Region zunehmend als Standort für digitale Innovationen. Besonders…

Wie Künstliche Intelligenz Digitale Zwillinge deutlich günstiger macht

Wie Künstliche Intelligenz Digitale Zwillinge deutlich günstiger macht

Digitale Zwillinge waren bislang oft mit hohem Aufwand für 3D-Scans, Nachbearbeitung und Modellierung verbunden. Moderne KI kann unvollständige Scandaten ergänzen, Geometrien rekonstruieren und digitale Modelle schneller nutzbar machen. Dadurch sinken…

Aktuellste Interviews

Vision trifft Automation

Interview mit Roland Jenning, Geschäftsführer der inos Automationssoftware GmbH

Vision trifft Automation

In der industriellen Automatisierung steigen die Anforderungen an Effizienz, Präzision und Qualität kontinuierlich. Produkte müssen nicht nur schnell, sondern auch fehlerfrei und reproduzierbar gefertigt werden. Vor diesem Hintergrund gewinnen innovative…

Das Banking der Zukunft gestalten

Interview mit Almir Marghella, Geschäftsführer DIGITERRA, powered by Crealogix

Das Banking der Zukunft gestalten

Die Bankenwelt steht unter enormem Veränderungsdruck. Neue digitale Anbieter, steigende regulatorische Anforderungen und der rasante Fortschritt im Bereich künstliche Intelligenz verändern die Erwartungen der Kunden grundlegend. Die Schweizer CREALOGIX AG…

Mit Fleiß und Einsatz zum Franchise-Erfolg!

Interview mit Thomas Wilde, Geschäftsführer der Call a Pizza Franchise GmbH

Mit Fleiß und Einsatz zum Franchise-Erfolg!

Call a Pizza hat als Pizzalieferdienst Pionierarbeit im deutschen Takeaway-Markt geleistet. Heute setzt das Unternehmen auf ein starkes Franchisesystem, wobei den einzelnen Franchisenehmern viele Freiheiten bleiben – auch wenn Geschäftsführer…

TOP