Die Kunst des Kämmens

Interview mit André Harms, Geschäftsführer der Olivia Garden S.A.

Wirtschaftsforum: Herr Harms, Olivia Garden ist Synonym für hochwertige Haarbürsten, die Friseure in aller Welt begeistern. Wie kam es dazu? 

André Harms: Die Geschichte von Olivia Garden ist eng mit ihrem Gründer Jean Rennette verbunden, der das Unternehmen vor fast 60 Jahren in Lüttich gründete. Die Marktbedingungen waren damals anders, als sie es heute sind; deshalb war auch das Unternehmen anders aufgebaut. Jean Rennette war von Beginn an im Beauty-Bereich tätig, konzentrierte sich jedoch zunächst auf Perücken. Damals wie heute ging es ihm darum, die speziellen Bedürfnisse von Friseuren mit qualitativ hochwertigen Produkten zu erfüllen. Daraus entwickelte sich schließlich der Fokus auf Haarbürsten,die in Europa und den USA entwickelt und in Asien gefertigt werden. 

Wirtschaftsforum: Olivia Garden ist international tätig. Wie sieht die Aufstellung aus? 

André Harms: Jean Rennette zog in den 1980er-Jahren in die USA und etablierte dort eine eigene Division. Damit gibt es Oliva Garden heute zweimal – einmal in Kalifornien, einmal in Belgien. Beide Unternehmen sind unabhängig voneinander, arbeiten aber freundschaftlich zusammen, treten als globale Marke auf und nutzen Synergien. 

Wirtschaftsforum: Wie verlief die Entwicklung in Europa? 

André Harms: Wir beschäftigen heute 45 Mitarbeiter und setzen rund 20 Millionen EUR jährlich um. Diese Zahlen sind Ausdruck eines dynamischen Wachstums in den vergangenen Jahren.

2011 gab es einen Geschäftsführerwechsel und die Weichen wurden neu gestellt. Bis dahin hatten die Geschäftsführer in den USA die Geschäfte in Europa im Prinzip verwaltet. Es war ein sehr schlankes Geschäftsmodell und viele Dinge konnten sehr einfach verändert werden. Kai Ziekursch übernahm 2011 die Geschäftsführung in Europa, ich kam 2018 dazu; gemeinsam haben wir überlegt, wie es weitergehen könnte. Der Weg sollte weg vom reinen Verwalten hin zum aktiven Vertrieb gehen. Kai Ziekursch war es bereits vorher gelungen, das Umsatzvolumen von 3 Millionen EUR auf 7 Millionen EUR mehr als zu verdoppeln; diese Entwicklung sollte fortgesetzt werden. Weil zu der Zeit immer mehr elektronische Produkte auf den Markt kamen, der Markt sich jedoch sehr heterogen mit vielen unterschiedlichen internationalen Standards darstellte, entschieden wir uns für den Fokus auf Haarbürsten und erarbeiteten den Claim ‚One Olivia Garden brush in every salon‘. Es war eine klare, starke Leitlinie, die alles Wesentliche beinhaltete – den Fokus auf Haarbüsten, auf die Marke Olivia Garden und auf den Profi – und der Grundstein für ein anhaltendes Wachstum war. 

Wirtschaftsforum: Sie sprechen von Wachstum. Wie stellt sich der Markt aktuell dar? 

André Harms: Wir blicken sehr positiv nach vorn. Schon aus der Coronazeit sind wir gestärkt hervorgegangen. Unser Vorteil war, dass wir schon vorher viele Prozesse digitalisiert und mit Teams gearbeitet haben; nicht zuletzt war das Unternehmen wirtschaftlich sehr stabil aufgestellt. Wir waren also bestens vorbereitet und konnten die Zeit für die kreative Arbeit an der Marke nutzen. Seit der Pandemie konnten wir den Umsatz in allen Bereichen verdreifachen. Wir blicken weiter optimistisch nach vorn, sind uns aber gleichzeitig der Risiken des Direct Factory-Geschäfts bewusst. Wir verkaufen über den Handel; deshalb wird für uns relevant sein, auf Handelsstufen zu achten und zu beobachten, wie sich die Supply Chain aus Sicht des Friseurs verändert. 

Wirtschaftsforum: Gibt es besondere Projekte oder Pläne, die in der näheren Zukunft realisiert werden sollen? 

André Harms: Für Olivia Garden spielt das Thema Nachhaltigkeit eine zentrale Rolle. Seit Mai dieses Jahres sind wir B Corp-zertifiziert – ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg in eine nachhaltige Zukunft. Der nächste Schritt wird sein, eine nachhaltigere Produktion nach Europa zu bringen. Deshalb investieren wir in Near Shore-Projekte. Momentan sind wir dabei, die letzten Schritte zu finalisieren, um im nächsten Jahr Produkte made in Europe anbieten zu können. Unser langfristiges Ziel ist die Kreislaufwirtschaft der Tools. Die Bürste bietet dafür gute Möglichkeiten; zum Beispiel die Verarbeitung von recycelten Kunststoffen. 

Wirtschaftsforum: Olivia Garden ist Weltmarktführer in einem Nischensegment. Keine andere Marke liefert für Friseure so konsequent Produkte in so vielen Ländern. Woran liegt das? 

André Harms: Friseure sind sehr emotional, wenn es um ihre Produkte geht, und sehr treu. Wir haben es geschafft, die Marke Olivia Garden stärker ins Bewusstsein zu holen und sie sichtbarer zu machen. Damit ist uns der Shift vom Produktlieferanten zum echten Brand gelungen. Unser Anspruch ist ‚Make Hairdressing be forever‘; das heißt, wir kümmern uns um das Handwerk, um die Kunst, Haar zu stylen und um die Ausbildung. Ich persönlich finde es spannend zu sehen, dass unsere Produkte zu einer Belebung der Innenstädte beitragen können. Man kann viel online bestellen, den klassischen Friseur wird es immer in der Stadt geben. Er kann nicht ersetzt werden, er bleibt vor Ort und macht diesen vielleicht auch für andere Dienstleistungen wieder interessant. 

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